Im Rahmen des 10. BBE-Fachkongresses im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ diskutierten wir in einem Workshop die Frage, wie wir eine breite Kulturelle Teilhabe erreichen können, welche Herausforderung es gibt und welche Rolle Kulturpat*innenschaften dabei spielen können.

Kultur zwischen Distinktion und Empowerment
Woran ich mich erinnere, wenn ich an meine Zeit als Jugendlicher zurückdenke? Ich sehe mich und meinen engeren Freundeskreis in einem der Proberäume der KMA (Kreuzberger Musikalische Aktion e. V.) stehen und deutsch-, spanisch-, griechischsprachige Raptexte mit Beatbox und verschiedenen Instrumenten verbinden. Würde ich mein damaliges Ich heute als Wissenschaftler interviewen, dann würde ich als Befragter vermutlich sagen, dass wir keine Kunst machten. Wir probierten uns aus, experimentierten und verschriftlichten unsere Erfahrungen beim Aufwachsen in Berlin in Reimen und Texten. Der Kopf und das Bauchgefühl sagen, der Ort der Kunst ist ein anderer. Uns als Künstler*innen zu verstehen, stand allerdings auch nicht im Vordergrund. Wir hatten etwas zu sagen und wollten es loswerden. Dass Orte wie die KMA uns das ermöglicht und ältere Wegbegleiter*innen aus der Szene uns dabei unterstützt haben, fühlte sich befreiend an, auf der Bühne sogar berauschend. Oder, wie ich es heute ausdrücken würde: Es war empowernd.
Was ist Kulturelle Teilhabe?
Und damit sind wir mitten im Thema. Beim 10. BBE-Fachkongress des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ kamen wir im Workshop „Zwischen Bühne und Begegnung: Kultur durch Pat*innenschaften erleben“ zusammen, um über Chancen und Herausforderungen kultureller Teilhabe zu diskutieren. Der Begriff Kulturelle Teilhabe hat sich längst in der Kulturpolitik etabliert, um das kulturelle Leben in einer Gesellschaft politisch mitzugestalten. Wie Jochum, Töbelmann und Werner (o. J.) vom Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg festhalten, ist es in der Regel der Anspruch, Kulturelle Teilhabe nicht nur als den passiven Konsum von Kulturgütern zu verstehen, sondern vielmehr die aktive Mitgestaltung kultureller Aktivitäten gesellschaftlich zu ermöglichen.1 Die Autor*innen betonen außerdem, dass Kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht ist: das Recht, sich kreativ ausdrücken und gesellschaftlich einbringen zu können sowie an Bildungsprozessen teilzuhaben, die durch das aktive Mitgestalten von Kunst und Kultur ermöglicht werden (ebd.).
Um diese Ziele zu erreichen, sind politische Maßnahmen erforderlich, die darauf abzielen, allen Menschen Zugang zu öffentlich geförderten Kultureinrichtungen zu ermöglichen. Das können Programme der Kulturellen Bildung und Vermittlung sein oder Ressourcen, mit denen die vielfältigen, häufig weniger sichtbaren eigenen kulturellen Aktivitäten in der Bevölkerung unterstützt werden können (BAK, o. J.: S. 2).2 Welche politischen Schwerpunkte gesetzt werden, variiert je nach gesellschaftlichem Kontext und geht mit unterschiedlichen Chancen und Herausforderungen einher, um eine breitere Kulturelle Teilhabe gesellschaftlich zu erreichen.
Chancen und Herausforderungen für Kulturelle Teilhabe
Im Rahmen des Workshops wurden gegenwärtige Herausforderungen, aber auch Chancen Kultureller Teilhabe diskutiert. Unter anderem wurden Erkenntnisse der Barriereforschung3 herangezogen, um die Frage zu beantworten, was Menschen an einem Besuch von Kultureinrichtungen hindert. Gegenstand der Diskussion waren Barrieren wie Eintrittspreise, Zeitressourcen und das Image von Kultureinrichtungen sowie die Vermittlung von Kunst und Kultur in der Schule. Darüber hinaus wurden Fragen nach einer diversitätsorientierten Personal- und Programmplanung von Kultureinrichtungen erörtert. Zudem wurden Herausforderungen thematisiert, die mit gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnissen einhergehen. Dabei wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, wie es bestimmten Bevölkerungsschichten gelingt, dass ihre kulturellen Praktiken als Teil der legitimen Kultur bzw. der Künste wahrgenommen und gefördert werden, während die kulturellen Praktiken anderer Bevölkerungsteile nicht dieselbe Beachtung finden oder sogar abgewertet werden.
In diesem Zusammenhang wurde ebenso darüber diskutiert, wie kulturelle Bildungsangebote gestaltet werden können, damit sie allen Menschen in einer Gesellschaft zugutekommen. Der Fokus lag dabei vor allem auf jungen Menschen und der Bedeutung einer fundierten pädagogischen Praxis für die Erstellung von Angeboten Kultureller Bildung. Aufbauend auf den Ergebnissen der Begleitforschung zur Jugendkulturinitiative in Berlin wurde betont, wie wichtig es ist, in den Kulturprojekten einen Alltagsbezug zur Lebenswelt junger Menschen herzustellen. Es sollte echte Partizipation ermöglicht, prozess- statt ergebnisorientiert gearbeitet und dem Beziehungs- und Vertrauensaufbau mit den jungen Menschen mindestens derselbe Stellenwert eingeräumt werden, wie dem gemeinsamen künstlerischen Projekt.4
In der Diskussion wurde außerdem das Potential mehrjähriger Förderprogramme der Kulturellen Bildung hervorgehoben, um genug Zeit für einen nachhaltigen Beziehungsaufbau mit jungen Menschen zu ermöglichen. Vor allem junge Menschen, die an der städtischen Peripherie leben, sind oft räumlich vom Zugang zu Kultureinrichtungen abgeschnitten. Neben der räumlichen Barriere kann noch eine habituelle Distanz hinzukommen, wenn sie das Gefühl haben, mit ihren kulturellen Praktiken an den Orten legitimer Kunst deplatziert zu sein. Dezentrale, partizipative und langfristige Kulturangebote haben das Potenzial, solchen Ungleichheitsverhältnissen entgegenzuwirken.
Kultur durch Pat*innenschaften erleben
Kulturpat*innenschaften, wie sie beispielsweise vom Verein „Bürger-helfen-Bürgern e.V. Hamburg“5 umgesetzt werden, können eine zivilgesellschaftliche Alternative zu mehrjährigen Förderprogrammen Kultureller Bildung bieten. Idealerweise ergänzen sie sich, statt einander zu ersetzen. Aufgrund massiver finanzieller Kürzungen im Berliner Haushalt konnten öffentliche Förderprogramme wie die Jugendkulturinitiative ihren Anspruch an Langfristigkeit und Nachhaltigkeit zuletzt allerdings nicht erfüllen, da die Gelder zwischenzeitlich gestoppt wurden. Umso mehr zeigt sich die Bedeutung zivilgesellschaftlicher Alternativen, die langfristig ausgelegt sind, bei denen der Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Bildung von Netzwerken zwischen Künstler*innen und engagierten Menschen im Vordergrund steht. Sie ermöglichen es, Räume zu schaffen, um der kulturellen Vielfalt der Stadt eine Bühne zu bieten und unterschiedlichsten Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.
Wenn ich an meine Zeit als Jugendlicher zurückdenke, dann weiß ich heute, dass es das Experimentieren mit Musik und die Auseinandersetzung mit Rap als Kunst war, die einen entscheidenden Auslöser bildeten, mich langfristig mit gesellschaftlichen Fragen zu befassen: also wie wir die Gesellschaft gerechter gestalten und allen Menschen Zugang zu den gesellschaftlich wertvollen Ressourcen, wie sie künstlerische und kulturelle Aktivitäten darstellen, verschaffen können. Das wäre ohne entsprechende kostengünstige bzw. kostenfreie Proberäume nicht möglich gewesen. Ebenso wenig ohne all die gesellschaftlich engagierten Menschen, die uns immer wieder Räume oder andere Ressourcen zur Verfügung stellten, und ohne die älteren Webgleiter*innen aus der Szene, die uns in ihrer Rolle als Mentor*innen Orientierung gaben, als wir sie am dringendsten benötigten.
Autor: Adrian Scholz Alvarado, Institut für Kulturelle Teilhabeforschung Berlin
- Jochum, J.; Töbelmann, P. & Werner, B. (o. J.). Kulturelle Teilhabe. Zentrum für Kulturelle Teilhabe Baden-Württemberg. Abgerufen am 06.12.2025 unter https://kulturelle-teilhabe-bw.de/themen/dossiers/kulturelle-teilhabe-1. ↩︎
- Bundesamt für Kultur (BAK). (o. J.). Kulturelle Teilhabe: Positionspapier der Arbeitsgruppe Kulturelle Teilhabe des Nationalen Kulturdialogs. Schweizerische Eidgenossenschaft. Abgerufen am 06.12.2025 unter https://kulturelle-teilhabe-bw.de/themen/dossiers/kulturelle-teilhabe-1. ↩︎
- Siehe hierzu weiterführend: Renz, Thomas (2016): Nicht-BesucherInnen öffentlich geförderter Kulturveranstaltungen. Der Forschungsstand zur kulturellen Teilhabe in Deutschland, in: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. Abgerufen am 30.10.2025 unter https://www.kubi-online.de/artikel/nicht-besucherinnen-oeffentlich-gefoerderter-kulturveranstaltungen-forschungsstand-zur. ↩︎
- Für weiterführende Ergebnisse der Begleitforschung zur Jugendkulturinitiative siehe: Scholz Alvarado, Adrian/Nörenberg, Britta (2025): Zentrale Erfolgsfaktoren für Kultureinrichtungen bei der Ansprache junger Menschen. Erste Ergebnisse aus Interviews und Berichten geförderter Einrichtungen des Jugendkulturinitiative-Förderprogramms der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt Berlin (Laufzeit 2024). (Schriftenreihe Kulturförderung des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung, Nr. 4), Berlin. ↩︎
- Siehe die Webseite des Vereins (abgerufen am 8.12.2025): https://buerger-helfen-buergern.hamburg/projekte/kulturpatenschaften/. ↩︎