Stell dir vor wir sprechen über Augenhöhe & schließen dabei unbewusst Menschen aus
Im Rahmen der Initiative ,Haltung zeigen – Vielfalt stärken‘ wird zu einem Perspektivwechsel durch die Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Begriff „Augenhöhe“ eingeladen.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Augenhöhe sprechen?
Der Begriff Augenhöhe soll das Gefühl vermitteln, dass zwischenmenschliche Beziehungen in einem Gleichgewicht stattfinden. Alle werden gleichbehandelt. Allerdings ist dieser Begriff auch von (un-)sichtbaren Hürden geprägt. Denn selbst wenn er fällt – “Augenhöhe” findet selten wirklich statt. Ganz einfach, weil nicht alle Menschen die gleichen Möglichkeiten und Chancen im Leben haben. Sich dieser Grundstrukturen bewusst zu werden, ist ein erster wichtiger Schritt in einem reflektierten und sensiblen Umgang miteinander. Gleichzeitig ist eine Auseinandersetzung mit Diskriminierung und welche Rolle sie in gesellschaftlichen Konstrukten spielt, essenziell.
Diskriminierung ist die Ausgrenzung, Abwertung, Benachteiligung und Ungleichbehandlung von Menschen bzw. gesellschaftlichen Gruppen, basierend auf zugeschriebenen Merkmalen. Im konkreten bedeutet das, dass Menschen in “Kategorien” eingeteilt werden. Dabei werden künstlich Unterschiede konstruiert, die es eigentlich nicht gibt. Diskriminierung ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das strukturell, institutionell, ideologisch und zwischenmenschlich stattfindet. Schaut man sich genauer und mit einem ehrlichen Blick die Auswirkungen an, fällt auf – diese Mechanismen sind nicht nur historisch gewachsen, sondern eine bis heute anhaltende Wechselwirkung aus Machtverhältnissen, Privilegien und eurozentrischen ,Norm’-Vorstellungen. Sie definiert von Beginn an, wie Lebensweisen und Menschen wahrgenommen werden. Diskriminierung macht aus dem Menschen eine Schublade und vergisst dabei das Menschliche.
Deswegen kann Augenhöhe selten in die Realität umgesetzt werden. Augenhöhe ist zwar ein ehrenwerter Wunsch, einer realen Umsetzung stehen aber strukturelle Grundvoraussetzungen im Weg.
Trotz all der Komplikationen gibt es Möglichkeiten dem entgegenzuwirken. Eine Möglichkeit ist eine offen (Selbst-) Reflexion und dann eine ehrliche Umsetzung mit diskriminierungssensiblem Blick. Erste Fragen können sein:
- Wer hat die Entscheidungsmacht?
- Wie funktioniert die Struktur?
- Welche Meinung wird gehört?
- Welche Meinung wird konstruktiv mit einbezogen?
In Pat*innenschaften kann es helfen, vor allem mit den aktiven Beteiligten zu sprechen und diese zu fragen, was sie für ein gesundes Gleichgewicht benötigen. Zudem können Kurzsitzungen vor Entscheidungen stattfinden, die Wünsche, gemeinsame Ziele, Sorgen und auch Grenzen miteinbeziehen und abdecken.
Das zeigt uns, dass die Vorstellung von Augenhöhe, um einen diskriminierungssensiblen Blick erweitert und mitgedacht werden muss. Augenhöhe als alleinstehendes Ziel einer Gesellschaft ist schwer erreichbar. In der Umsetzung geht es vielmehr darum, vom Gedanken der “Unterstützungsformate” hin zu Begegnungsformaten zu kommen und diese als einen zwischenmenschlichen Austausch zu verstehen. In Begegnungen können Menschen gemeinsam und beidseitig voneinander lernen. Wenn der Fokus diesbezüglich verschoben wird, fällt auf, dass jede zwischenmenschliche Begegnung, das Leben prägt und bereichert.
Es ist wichtig “Augenhöhe” nicht pauschal zu verwenden, sondern kurz innezuhalten und die Strukturen dahinter mitzudenken. Zeit für einen Perspektivwechsel!
Autorin: Cheyenne Schellein, Initiative ,Haltung zeigen – Vielfalt stärken‘ (IHZ)