Künstliche Intelligenz (KI), insbesondere die Nutzung von Chatbots, ist längst Teil des Alltags vieler Jugendlicher. Auch in Pat*innenschaften werden dadurch neue Fragen aufgeworfen: Wie nutzen Jugendliche KI im Alltag und mit welchen Herausforderungen sehen sie sich dabei konfrontiert? Und wie können Pat*innenschaften dazu beitragen Jugendliche im Umgang mit KI aus einer medienpädagogischen Perspektive heraus zu unterstützen?
Um zu diesen Fragen in den Austausch zu kommen, trafen sich am 27. Mai verschiedene Pat*innenschafts- und Mentoringprojekte im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ zu einem digitalen Fachworkshop. Als Referent brachte Julian Kasten (Medienzirkus e.V.) eine medienpädagogische Perspektive auf den Umgang mit KI ein.
Wie gehen junge Menschen mit KI um?
KI-Systeme sind bereits in zahlreichen Bereichen unseres Alltags präsent, etwa in Assistenzsystemen in Autos, in Algorithmen auf Netflix oder auf Social-Media-Kanälen. Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) erhebt seit 1998 jährlich im Rahmen der JIM-Studie den Medienumgang von jungen Menschen im Alter von zwölf bis neunzehn Jahren. Die Studienlage zeigt, dass die Nutzung von KI bei Jugendlichen deutlich zugenommen hat. Das am häufigsten genutzte KI-Tool ist demnach ChatGPT. In den Altersklassen über dreizehn Jahre haben bereits rund 90 Prozent das Tool ausgetestet. Dabei ist der Einsatz im schulischen Bereich für Hausaufgaben und Lernprozesse der am häufigsten genannte Anwendungsgrund. (JIM-Studie 2025, Jugend, Information, Medien, https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025/, S. 61).
Die Rolle von KI und Pat*innenschaften im schulischen Kontext
Das Bildungssystem steht im Zusammenhang mit KI vor großen Herausforderungen. Pat*innenschaften können Unterstützung leisten, indem sie erste Erfahrungsräume im Umgang mit KI ermöglichen.
Julian Kasten empfiehlt im Hinblick auf den Bildungsbereich ein ganzheitliches Lernen über KI, das sowohl die Potenziale der Nutzung, die Funktionsweise als auch die Chancen von Arbeitsweisen ohne KI in den Blick nimmt. Dabei hänge die Thematisierung von KI in der Schule momentan stark vom individuellen Engagement der Lehrkräfte oder einem zufällig gesetzten Fokus einzelner Bildungseinrichtungen ab.
Pat*innenschaften eröffnen die Möglichkeit, ungleiche Unterstützung im Umgang mit KI zu reduzieren, indem sie das Austesten von KI-Tools auch dort begleiten, wo Bildungseinrichtungen das Thema bisher nicht ausreichend abdecken. Aufgrund der persönlichen Beziehungsebene begleiten Pat*innenchaften die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, sowohl im schulischen Kontext – etwa bei der Hausaufgabenhilfe – als auch im privaten Umfeld auf besondere Weise. Dadurch können sie für die Risiken der KI-Nutzung sensibilisieren.
Im Bildungsbereich bedeutet der Einsatz von KI, dass Leistungen und Eigenständigkeit der Schüler*innen schwerer eingeschätzt werden können. Langfristig besteht das Risiko, dass Jugendliche Aufgaben nur noch in Rücksprache mit KI und nicht mehr durch selbstständig entwickelte Ansätze lösen können. Scheinbar fehlerfreie KI-generierte Antworten gefährden eine positive Fehlerkultur und erschweren Schüler*innen eigene Fehler zu akzeptieren und daraus zu lernen.
Pat*innenschaften sind kein Ersatz für pädagogisch ausgebildete Fachkräfte, können aber aus der Zivilgesellschaft heraus Schulen unterstützen und relevante Bezugspunkte zum Umgang mit KI etablieren.
Pat*innenschaften als menschliche Unterstützung im digitalen Alltag
Julian Kasten hob hervor, dass KI von jungen Menschen immer öfter als vermeintlich „geschützter Übungsraum“ genutzt werde. So würden KI-Tools, insbesondere Chat-Bots, von immer mehr Jugendlichen in bestimmten Alltagsfragen, etwa als Hilfe beim „Flirten“ verwendet. Aber auch bei kritischen Situationen, in denen die Hemmschwelle höher sei, sich an Erwachsene zu wenden – wie bei der Bewältigung von Einsamkeit, bei Ausgrenzung, Gewalt oder Diskriminierungserfahrungen – werden KI-Modelle befragt.
Der Einsatz von KI als „Alltagsbegleiter*in“ ereigne sich gerade in herausfordernden Situationen häufig heimlich. Negative Folgen seien unter anderem eine Bestätigungsverzerrung, da KI-Programme darauf ausgelegt seien, Nutzenden gefällige Antworten zu liefern. Die hohe Verfügbarkeit von KI berge zudem das Risiko von Suchtverhalten bei gleichzeitiger Vernachlässigung menschlicher Kontakte wie Freund*innen und Familie. Das Nutzungsverhalten von Jugendlichen zeige, dass gemeinsame Medienräume, etwa innerhalb der Familie, abnehmen. Kinder und Jugendliche konsumierten Medien immer häufiger allein, wobei KI-Tools diese Entwicklung befördern. Vor diesem Hintergrund sei es essenziell, Bezugspersonen im Umgang mit KI an der Seite zu haben. Die menschliche Unterstützung von Jugendlichen im digitalen Alltag müsse im Vordergrund stehen.
Hier kommt das zentrale Potenzial von Pat*innenschaften im Umgang mit KI zum Tragen. Pat*innen können als verlässliche Bezugspersonen die Möglichkeit eröffnen mit Jugendlichen in einen vertrauensvollen Austausch über die Nutzung von KI zu treten. Eine Möglichkeit ist etwa, in einer Pat*innenschaft gemeinsam KI-Anwendungen auszutesten. Julian Kasten empfiehlt, dass Pat*innen sich dabei interessiert und offen hinsichtlich der Auseinandersetzung mit KI zeigen, aber auch Grenzen der Nutzung, etwa in Bezug auf persönliche Daten und sozial-emotionale Begleitung, deutlich machen sollten. Durch eine Pat*innenschaft kann ein wichtiger emotionaler Bezugspunkt, außerhalb digitaler Medien, im Alltag von Kindern- und Jugendlichen entstehen. Solche Vertrauensverhältnisse sind entscheidend, damit abseits der KI Ansprechpartner*innen für mögliche Probleme, Sorgen aber auch Erfolge bestehen.
Herausforderungen für Pat*innenschaften im Umgang mit KI
Entscheidend bleibt auch die Herausforderungen von Pat*innenschaften im Umgang mit KI aufzuzeigen. So reproduzieren KI-Tools einerseits häufig gesellschaftlich vorherrschende Diskriminierungen, Stereotype und Klischees, andererseits entstehen durch KI vielfach Desinformationen. Vor diesem Hintergrund warnt Julian Kasten, dass ein einwandfreies Erkennen KI-generierter Inhalte schnell zur Überforderung werden kann. Zur Aufdeckung manipulierter Inhalte würden ein konkreter rechtlicher Rahmen, klare Leitlinien und ausgebildete Expert*innen benötigt. Pat*innen müssen sich im Hinblick auf die Verbreitung von Desinformationen und die Reproduktion von Diskriminierungen selbst kritisch reflektieren.
Durch die vertrauensvolle Beziehung können Pat*innenschaften für Chancen und Risiken von KI sensibilisieren und als wichtige Referenzpunkte für Jugendliche im analogen Raum dienen. Schulungen, die Pat*innen und Koordinator*innen sensibilisieren und Austauschräume zum Thema KI bieten, sind hierfür entscheidend.
Autor*innen: Naomi Mebus; Malica Christ (BBE)