Blick in die Forschung: Soziales Mentoring verringert ungleiche Bildungschancen

Der Fachartikel „Mentoring and Schooling Decisions: Causal Evidence“ von Armin Falk, Fabian Kosse und Pia Pinger belegt anhand belastbarer empirischer Daten positive Effekte sozialen Mentorings auf die Bildungswege von Kindern. In diesem Blogbeitrag werden die zentralen Ergebnisse für die Pat*innenschaftspraxis im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ zusammengefasst.

Im Zentrum der Datenanalyse steht das Mentoring-Programm „Balu und Du“, das auch Teil des Bundesprogramms „Menschen stärken Menschen“ ist. Im Rahmen des Bundesprogramms, gefördert durch das BMBFSFJ, stiften zivilgesellschaftliche Organisationen an über 900 Standorten bundesweit Pat*innenschaften. Das Engagement in Pat*innenschaften zeichnet sich durch eine persönliche Unterstützung von Pat*innen und Mentees in eins-zu-eins Modellen oder Kleingruppen aus. In der wissenschaftlichen Diskussion werden verschiedene Modelle und Ansätze dieses Engagements zunehmend unter dem Begriff des „sozialen Mentorings“ zusammengefasst (siehe Jakob/Schüler 2024). Bei dem Programm von „Balu und Du“ begleiten Studierende ein Grundschulkind über ein Jahr hinweg. Das Tandem trifft sich in der Regel einmal in der Woche für ca. 2-3 Stunden und gestaltet gemeinsame Freizeit miteinander (siehe Balu und Du | Balu und Du e.V.).  

Um die Wirkung von sozialem Mentoring auf Bildungschancen zu untersuchen, nahmen die Autor*innen einen entscheidenden Punkt im Bildungsweg in den Blick, nämlich die Auswahl der weiterführenden Schulform nach der Grundschule. Es wurden Daten von Kindern und ihren Familien ausgewertet, die jährlich interviewt wurden und an dem Programm von „Balu und Du“ teilnahmen, sowie Daten einer Kontrollgruppe. Das besondere an der Studie ist nicht nur die Größe des untersuchten Samples, die Hauptstichprobe umfasste 495 Kinder und ihre Familien, sondern auch, dass Wirkungen des Mentorings auf den weiteren Schulverlauf untersucht wurden.

Ein Hauptbefund des Fachartikels: Der sozioökonomische Hintergrund eines Kindes hat einen Einfluss auf die Wahl der weiterführenden Schulform. Auch wenn wichtige Faktoren wie der Notendurchschnitt, Alter und Geschlecht der Kinder berücksichtigt wurden, zeigte sich, dass Kinder mit einem niedrigen sozioökonomischen Hintergrund auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit nach der Grundschule das Gymnasium besuchten. Die Autor*innen waren von dem Befund überrascht, dass dieser Zusammenhang deutlich bestehen bleibt, selbst bei gleicher schulischer Leistung. Bei den Kindern, die an dem Mentoring Programm teilnahmen, konnte dieser Faktor zu einem signifikanten Maße abgeschwächt werden.

Zentrale Forschungsergebnisse für die Pat*innenschaftspraxis zusammengefasst

1. Soziales Mentoring wirkt auf verschiedenen Wegen sowohl auf die Mentees als auch auf ihr familiäres Umfeld

Die Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Kinder, die am Mentoring-Programm teilnahmen, zu einer höheren Wahrscheinlichkeit eine Gymnasialempfehlung von ihren Lehrer*innen erhielten. Dies führen die Autor*innen auf ein verbessertes Verhalten der Kinder im Unterricht zurück. Dieser Befund deckt sich mit Ergebnissen anderer Studien zu den Wirkungen sozialen Mentorings auf Kinder und Jugendliche. Denn das zentrale Element von Pat*innenschaften ist eine zwischenmenschliche Beziehung, in der Vertrauen aufgebaut und ein konstruktiver Umgang mit Konflikten erprobt werden kann. Das erlernte Miteinander in der Pat*innenschaft kann in andere Beziehungen oder auch auf andere Lernbereiche übertragen werden (siehe Brady, B., Dolan, P., & McGregor, C. 2019). Darüber hinaus entschieden sich die Eltern der Kinder, die am Programm von „Balu und Du“ teilnahmen, zu einer höheren Wahrscheinlichkeit dafür, ihre Kinder entgegen der Empfehlung der Lehrkräfte auf ein Gymnasium zu senden. Dies deutet darauf hin, dass Mentor*innen neben Lehrkräften eine zusätzliche, praxisnahe Einschätzung auf Grundlage ihrer Erfahrungen mit den Mentees einbringen können.

2. Pat*innenschaften wirken insbesondere dann positiv auf den Bildungsweg von Kindern, wenn das Mentoring bereits vor der Wahl der weiterführenden Schulform stattfindet

Bisher haben andere Studien nur wenige bis keine langfristigen positiven Effekte von Mentoring auf den Bildungsweg von Kindern bestätigt. Dies führen die Autor*innen des Fachartikels darauf zurück, dass Mentoring-Programme untersucht wurden, die Schüler*innen erst nach der Auswahl der höheren Schulform unterstützten. Dies lässt den Schluss zu, dass Mentoring-Programme, der Wirkung auf den Bildungserfolg von Kindern mit sozioökonomisch schwachem Hintergrund folgend, bereits im frühen Alter der Kinder, also insbesondere vor der Auswahl der weiterführenden Schulform, stattfinden sollten. Denn die Ergebnisse zeigen, dass auch nach 6 Jahren die positiven Effekte des Mentorings für die Kinder erhalten blieben, und sie nicht im höheren Maße eine Klasse wiederholten oder die Schulform wechselten. Auch habe die Auswahl des Gymnasiums aufgrund des Mentorings nicht zu höherem Stress bei den Kindern geführt.

3. Professionelle hauptamtliche Begleitung und Schulungen für die Mentor*innen waren zentraler Bestandteil des untersuchten Programms

Die Autor*innen schließen ihren Artikel mit dem Fazit, dass Mentoring-Programme eine sehr effiziente Maßnahme sind, um Bildungschancen in Deutschland zu verbessern, da sie bei einer großen Wirkung vergleichsweise geringe finanzielle Ressourcen für die Umsetzung benötigen. Für das Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ sind diese Ergebnisse eine wichtige Bestätigung: Das Engagement in Pat*innenschaften wirkt, und das auch langfristig über ein Mentoringjahr hinaus.

Die Autor*innen verweisen auf die Wichtigkeit der umgesetzten Qualitätsmaßnahmen des Programms von „Balu und Du“, wie regelmäßige Evaluationen der Wirkung, die Schulung der Mentor*innen sowie die Unterstützung und Begleitung der Tandems durch professionelle und pädagogisch ausgebildete Koordinator*innen. Die Relevanz von qualitätssichernden Maßnahmen wird auch durch die Forderungen des BBE-Policy Papers unterstrichen, welches zusammen mit Träger*innenorganisationen im Bundesprogramm „Menschen stärken Menschen“ erarbeitet wurde (siehe BBE-Policy Paper BBE Policy-Paper zur Bundes-Engagementstrategie Schwerpunkt „Pat*innenschaften und soziales Mentoring“).

Darüber hinaus wirken geschulte Projektkoordinator*innen auch positiv auf die Gewinnung von Pat*innen und Mentees und auf die Bindung von Engagierten an diejenigen Organisationen, die Pat*innenschaften stiften und begleiten (Siehe Christ/Förstl 2025).

Langfristig angelegte quantitative Studien leisten einen wichtigen Beitrag dazu, die Wirkung von Mentoring empirisch nachzuweisen und förderliche Rahmenbedingungen wissenschaftlich belastbar zu identifizieren. Insbesondere der Befund des Fachartikels, dass soziales Mentoring gerade im Grundschulalter eine besondere Wirkung entfaltet und dazu beitragen kann, ungleiche Startbedingungen auszugleichen, bestätigt Pat*innenschaftsprojekte im Kontext von Kita und Schule und setzt zugleich einen wichtigen Impuls, diese Modelle des Bildungsengagements auch zukünftig weiter auszubauen und nachhaltig zu fördern.

Primärquelle

Falk, A., Kosse, F., & Pinger, P. (2026). Mentoring and schooling decisions: Causal evidence. Journal of Political Economy, 134(1), 366–396.

Weitere Quellen

Brady, B., Dolan, P., & McGregor, C. (2019). Mentoring for young people in care and leaving care: Theory, policy and practice. Routledge.

BBE – Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement. (2023). BBE‑Policy‑Paper zur Bundes‑Engagementstrategie: Schwerpunkt „Pat*innenschaften und soziales Mentoring“.  Abrufbar unter: BBE_Policy-Paper_Patinnenschaften_und_soziales_Mentoring.pdf.

Christ, M., & Förstl, B. (2025). Das gallische Dorf in der Engagementlandschaft – Wie zivilgesellschaftliche Organisationen im Programm „Menschen stärken Menschen“ eine Brücke zwischen Ehrenamt und Engagement schlagen. In A. Walter, B. Haas, A. Kewes, K. Mangold & J. Schlicht (Hrsg.), Umbruch, Druck, Transformation? Gegenwart und Zukunft des Engagements (S. 113–124). Nomos. https://doi.org/10.5771/9783748960287

Jakob, G., & Schüler, B. (2024). Patenschaften und Mentoring für Kinder und Jugendliche: Eine neue Kultur des Engagements zur Förderung von Bildung, Teilhabe und Integration. Beltz Juventa.

Autorin: Malica Christ, BBE